Die Geschichte der Erlanger SPD

Die sozialdemokratische Partei ist die traditionsreichste deutsche Partei. Seit 1863 setzt sie sich für Freiheit und soziale Gerechtigkeit ein und kann 2013 ihr 150jähriges bestehen feiern. Wie keine andere Partei steht die SPD für Demokratie und Fortschritt. Ihre Wurzeln reichen bis in die Zeit der Revolution von 1848 zurück.

Die Erlanger SPD ist nur wenig jünger als die SPD insgesamt. Sie wurde am 30. Januar 1870 als „sozialdemokratischer Arbeiterverein“ gegründet. Der folgende Text gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der Erlanger SPD.

Eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Erlanger SPD bis etwa 1980, verbunden mit vielen Bildern und Porträts von Persönlichkeiten, die die Erlanger SPD und die Erlanger Stadtgeschichte geprägt haben, findet sich in dem Buch „... daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist. 120 Jahre Sozialdemokratie in Erlangen“, 1990 für die SPD Erlangen herausgegeben von Walter Schweigert und Klaus Treuheit. Einen Überblick über die Zeit zwischen 1972 und 1996 gibt das Buch „Materialien zur Sozialdemokratie in Erlangen 1972 - 1996“, 2015 erschienen und herausgegeben von Bernd Döbbelin, Dietmar Habermeier, Dietmar Hahlweg, Heide Mattischeck und Gerd Peters. Beide Bücher sind in der Geschäftsstelle des Kreisverband erhältlich.

Die Anfänge der Erlanger Sozialdemokratie

„Erschienen
1) Schreiner Johann Weber
2) Kammacher Konrad Muschweck
3) Schumacher Peter Langfritz
und zeigen an, daß sich unterm Gestrigen ein social-demokratischer Arbeiterverein dahier gegründet hat und daß sie die gegenwertigen Vorstände sind.
Die Versammlungen sind regelmaeßig an den Samsagen Abend 8 Uhr bei Gastwrith Deichert dahier.
Die Statuten werden von den Vorstaenden übergeben.
Johann Weber
Konrad Muschweck
Peter Langfritz

g. Rother“

Dieser knappe Text belegt die Gründung der ersten sozialdemokratischen Organisation in Erlangen. Veranstaltungen der Sozialdemokratie hatte es in der Stadt schon zuvor gegeben. Mit der Vereinsgründung am 30. Januar 1870 wurden diese Wurzeln in eine Organisation überführt, mit der die Geschichte der Erlanger SPD „offiziell“ beginnt.

Der Erlanger Arbeiterverein ordnete sich der ein knappes halbes Jahr zuvor von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP) zu. Diese war am Marxismus ausgerichtet und vertrat damit die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, verstand sich als Teil der „Internationale Arbeiterassoziation“ (der „Ersten Internationalen“) und forderte eine umfassende Demokratisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Aus der SDAP ging 1875 durch den Zusammenschluss mit dem 1863 gegründeten „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ die „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ hervor, die sich 1890, nach dem Ende der Sozialistengesetze, in „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ umbenannte.

Der Erlanger Zweig der SDAP, der „Sozialdemokratische Arbeiterverein“, war durchaus erfolgreich. Die Mitgliederzahl stieg, öffentliche Veranstaltungen waren gut besucht. Zu kämpfen hatte die Organisation aber mit den Repressionen durch die Obrigkeit, die 1874 im Verbot des Arbeitervereins gipfelten. Die Erlanger Sozialdemokraten setzten ihre Arbeit allerdings trotz der Repressionen und des Verbotes fort, es gab weiterhin Versammlungen in der Stadt, die allerdings mehrfach verboten oder aufgelöst wurden.

Die Situation für die Sozialdemokratie verschärfte sich, als mit dem „Sozialistengesetz“ die SAP im Deutschen Reich verboten wurde. Allerdings konnte auch dies nichts an den Erfolgen der Sozialdemokratie ändern: 1881 errang mit Karl Grillenberger in Nürnberg erstmals ein Sozialdemokrat aus Bayern ein Reichstagsmandat. Auch in Erlangen wurden die Aktivitäten aus der Illegalität heraus fortgesetzt, standen allerdings wie schon in den Jahren zuvor unter permanenter Beobachtung und waren mit Bestrafung von Aktivisten bis hin zur Ausweisung bedroht.

Aufstieg ab 1890

Mit dem Ende des Sozialistengesetzes 1890 konstituierte sich auch die Erlanger Sozialdemokratie neu. Im März 1890 – noch vor dem offiziellen Ende des Sozialistengesetzes – wurde der „Verein zur Erzielung volkstümlicher Wahlen“ mit gut 100 Mitgliedern gegründet. Über die Parteiarbeit in den 1890er Jahren ist verhältnismäßig wenig bekannt, Veranstaltungen wie die ab 1890 durchgeführten Maifeiern waren aber gut besucht.

1906 gründete sich mit dem „Weiblichen Bildungsverein Erlangen“ erstmals eine Frauengruppe in der Erlanger Arbeiterbewegung, die kurz darauf in „Verein der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse“ umbenannt wurde. Die Mitgliedschaft in politischen Organisationen war für Frauen zu diesem Zeitpunkt verboten, so dass sie in der Erlanger SPD nicht direkt mitwirken konnten. In den Erlanger Gewerkschaften und anderen Organisationen der Arbeiterbewegung waren Frauen durchaus vertreten, bei den Gewerkschaften stellten sie 1913 18 Prozent der Mitglieder. Wie sich die Mitgliederanteil der Frauen in der Erlanger SPD nach der Aufhebung des Verbots der Mitgliedschaft in politischen Vereinigungen 1908 entwickelte, ist nicht bekannt.

Auch bei Wahlen war die Erlanger SPD erfolgreich: 1898 gewann der Fürther Martin Segitz das Reichstagsmandat im Wahlkreis Erlangen/Fürth/Hersbruck erstmals für die SPD, schon zuvor waren sozialdemokratische Kandidaten – darunter mehrfach August Bebel – erst in Stichwahlen gescheitert. Ab 1907 vertrat mit Sigmund Freiherr von Haller erstmals ein Sozialdemokrat die Stadt Erlangen im Bayerischen Landtag.

1909 betrat die Erlanger SPD dann auch die kommunalpolitische Bühne: Erstmals zogen Sozialdemokraten in das „Kollegium der Gemeindebevollmächtigten“, den Vorläufer des Erlanger Stadtrates, ein. Zwei Jahre darauf, 1911, vertrat Anton Hammerbacher die SPD auch im Magistrat, dem Exekutivorgan der Stadt. Ein Jahr später stellte die SPD bereits ein Drittel der Erlanger Gemeindebevollmächtigten.

Das späte Erscheinen der SPD in der Erlanger Kommunalpolitik erklärt sich aus zwei Faktoren: Zum einen das Wahlrecht, das an das Bürgerrecht gekoppelt war, für dessen Erwerb hohe Gebühren anfielen. Viele Arbeiter konnten sich diese Gebühren nicht leisten und blieben von den Wahlen ausgeschlossen; der von den Sozialdemokraten geschaffene Sparverein konnte diese Hürde nur in geringem Umfang senken. Der zweite Faktor für die späte kommunalpolitische Präsenz war die große Skepsis der SPD gegenüber der Kommunalpolitik. Man maß der Politik auf Reichsebene eine deutlich höhere Bedeutung für die Realisierung der sozialistischen Forderungen zu und vernachlässigte entsprechend die kommunale Ebene. Dies änderte sich erst im Laufe der 1900er Jahre, 1910 beschloss die bayerische SPD auf ihrem Landesparteitag in Erlangen ein ausführliches kommunalpolitisches Programm.

Revolution und Weimarer Republik

Am 8. November 1918, unmittelbar nach der Revolution in München, übernahm auch in Erlangen ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ die Macht. Der Schwerpunkt bei den Mitgliedern lag auf Aktivisten aus den Gewerkschaften, die SPD stellte im Arbeiterrat nur 3 Vertreter (wobei allerdings viele Gewerkschafter zugleich Mitglieder der SPD waren). Vertreten wurde eine gemäßigte, am Kurs der Führung der MSPD in Berlin orientierte Position, die sich deutlich von den revolutionären Bestrebungen Kurt Eisners in Bayern abgrenzte. Entsprechend stellte sich die Erlanger SPD auch entschieden gegen die Münchner Räterepublik.

Bei den ersten Stadtratswahlen nach dem Krieg im Juni 1919 – bei denen erstmals auch Frauen wählen und gewählt werden konnten – errang die Erlanger SPD 11 von 30 Mandaten, hinzu kamen nochmals 3 für die USPD. Gemessen an den Ergebnissen der Landtags- und der reichsweiten Wahl im Januar 1919, wo die SPD jeweils um die 50 Prozent der Stimmen erzielt hatte, war dies ein schlechtes Ergebnis. Erstmals wurden mit Margarete Dressel für die SPD und Elise Späth für die DDP zwei Frauen in den Erlanger Stadtrat gewählt. Erstere schied allerdings bereits 1921 wieder aus dem Erlanger Stadtrat aus und blieb die einzige Frau, die in der Weimarer Republik der SPD-Stadtratsfraktion angehörte.

Die Erlanger SPD versuchte ab 1919, sich auch für bürgerliche Schichten zu öffnen, tat sich dabei allerdings sehr schwer. Dagegen gelang der Aufbau einer Arbeiterjugend in Erlangen unter Michael Poeschke. Ab 1924 verfügte die Erlanger SPD mit dem „Erlanger Volksblatt“ auch über eine eigene Zeitung als Nebenausgabe der in Nürnberg erscheinenden „Fränkischen Tagespost“.

Bestimmendes Thema der ersten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg war die schlechte wirtschaftliche Lage und die hohe Arbeitslosigkeit. Aber auch die instabile Situation im Deutschen Reich mit dem Kapp-Putsch 1920 und dem Krisenjahr 1923 strahlte stark nach Erlangen aus, ebenso wie der sich in Bayern etablierende völkische und autoritäre Nationalismus.

Bei Wahlen konnte sich die SPD in Erlangen dagegen behaupten, sie erzielte regelmäßig um die 40 Prozent der Stimmen. Die Wohnungsnot wurde durch den genossenschaftlichen Siedlungsbau bekämpft, es entstanden (teilweise bereits ab 1913) die Siedlungen im Anger und im Stadtsüden.

In den 1930er Jahren wurde der Nationalsozialismus auch in Erlangen immer stärker. Bei den Reichstagswahlen 1932 war die SPD in Erlangen erstmals seit 1919 nicht mehr stärkste Partei, allerdings nicht aus eigener Schwäche – die absolute Stimmenzahl für die SPD bleibt auf dem Niveau der Vorjahre –, sondern wegen der Marginalisierung der bürgerlichen Parteien.

Mit der Machtübernahme der NSDAP in Berlin wurden dann auch zahlreiche Erlanger Sozialdemokraten in „Schutzhaft“ genommen. Das erst Anfang 1933 bezogene Parteihaus an der Nürnberger Straße wurde im März 1933 von NS-Trupps gestürmt, die Redakteure des dort ansässigen Erlanger Volksblattes, Michael Poeschke und Peter Zink, wurden dabei brutal zusammengeschlagen.

Poeschke wurde bei der Neuzusammensetzung des bayerischen Landtags im Zuge der „Gleichschaltung“ der Länderparlamente Landtagsabgeordneter. An der Abstimmung über das bayerische Ermächtigungsgesetz, für die er das KZ Dachau verlassen durfte, konnte er allerdings nicht teilnehmen, da er wegen der in der Haft erlittenen schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht wurde; so fehlt sein Name in der Liste der Sozialdemokraten, die geschlossen das bayerische Ermächtigungsgesetz ablehnten.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bildete sich auch die SPD in Erlangen neu. Zunächst geschah dies informell, da die Bildung von politischen Parteien durch die Besatzungsmächte verboten war. Trotzdem entstand wohl Ende Juli 1945 wieder eine lokale Parteiorganisation, deren Vorsitzender Michael Poeschke wurde, der letzte Vorsitzende der SPD vor dem Nationalsozialismus. Am 30. März 1946, nach der Zulassung politischer Parteien, wurde die Erlanger SPD offiziell wiedergegründet.

Am 22. Juli 1945 wurde mit Anton Hammerbacher erstmals ein Sozialdemokrat Oberbürgermeister der Stadt Erlangen, ernannt durch die amerikanische Militärverwaltung. Ein Jahr später trat Michael Poeschke seine Nachfolge an, als erster gewählter Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg und (bis 1948) getragen von einer absoluten Mehrheit der SPD im Erlanger Stadtrat. Poeschke konnte das Oberbürgermeisteramt in den Wahlen 1952 und 1958 erfolgreich verteidigen, die Erlanger SPD wurde bei den Stadtratswahlen unter seiner Führung durchgängig und mit großem Abstand stärkste Partei.

Geprägt war die Politik der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum von der wirtschaftlichen Entwicklung und der sozialen Lage der Menschen. Die Ansiedlung der Hauptverwaltung der Siemens-Schuckert-Werke und der darauf folgende Ausbau des Siemens-Standortes legten den Grundstein für den Aufstieg Erlangens zur modernen Industriestadt. Der Wohnungsnot wurde durch den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus begegnet, der in die Gründung der GeWoBau mündete.

Bei der Neuwahl des Oberbürgermeisters nach dem Tod Poeschkes 1959 unterlag Peter Zink – zu diesem Zeitpunkt für die Erlanger SPD Abgeordneter im Landtag– dem CSU-Kandidaten Heinrich Lades. Die SPD blieb allerdings bei der Stadtratswahl 1960 mit deutlichem Vorsprung stärkste Partei und stellte mit Friedrich Sponsel den zweiten Bürgermeister; Sponsel prägte die Erlanger Stadtpolitik 20 Jahre als zweiter Bürgermeister, bis zu seinem Tod 1980.

Die SPD seit den 1970er Jahren

Der Aufbruch, den die Studentenbewegung einerseits und die sozialdemokratische Regierungsübernahme im Bund unter Willy Brandt andererseits bedeuteten, veränderte auch die Erlanger SPD grundlegend. Es kam zu massiven Zuwächsen bei der Mitgliedschaft, die vor allem aus dem akademischen Milieu kamen. Mit Karl-Heinz Hiersemann übernahm 1970 ein noch nicht einmal 30-jähriger den Vorsitz der Erlanger SPD.

Die Liste der SPD für die Kommunalwahl 1972 wurde durch die (neue) Mitgliedschaft massiv verändert. Und mit Dietmar Hahlweg konnte für die Oberbürgermeisterwahl 1971 ein Kandidat gewonnen werden, der auf Anhieb über 48 Prozent der Stimmen erzielte.

Bei der Kommunalwahl 1972, mit der wegen der Gebietsreform auch eine erneute Oberbürgermeisterwahl verbunden war, gelang der Erlanger SPD dann ein spektakulärer Erfolg: Sie gewann nicht nur deutlich das Amt des Oberbürgermeisters zurück, das Dietmar Hahlweg für die nächsten 24 Jahre behaupten konnte; sie errang auch die absolute Mehrheit im Stadtrat. Für 24 Jahre blieb die SPD bestimmende Kraft im Erlanger Stadtrat. Mit Ursula Rechtenbacher stellte sie ab 1980 erstmals eine Frau als zweite Bürgermeisterin, der 1990 Gisela Niclas nachfolgte.

Die sozial und ökologisch ausgerichtete Kommunalpolitik jener Jahre prägt Erlangen bis heute. Die erfolgreiche kommunalpolitische Zeit der Erlanger SPD endet mit der Niederlage bei der Oberbürgermeisterwahl 1996, erstmals seit 1946 war die SPD auch nicht mehr stärkste Partei bei der Stadtratswahl und konnte auch keinen zweiten Bürgermeister mehr stellen.

Nicht nur kommunalpolitische Erfolge prägten aber die SPD der 70er und 80er Jahre. Die Friedensbewegung, die Debatte um BürgerInnenrechte wie auch die Frauenbewegung und die Umweltbewegung wirkten stark in die Erlanger SPD hinein. Die Erlanger SPD diskutierte massiv, kontrovers und kritisch die Bundespolitik – bis in die heutigen Tage.