„Wem gehört der öffentliche Raum?“ – Gelungener Auftakt der SPD-Veranstaltungsreihe „Auf die Plätze“

Mit rund 70 Besucherinnen und Besuchern hat die Erlanger SPD ihre neue Reihe „Auf die Plätze“ gestartet. Der Auftakt stand dabei unter dem Motto „Wem gehört der öffentliche Raum?“

Zu Beginn der Veranstaltung präsentierte Prof. Dr. Fred Krüger vom Institut für Geographie an der FAU einen sehr informativen und unterhaltsamen Impulsvortrag. Anhand des anschaulichen Beispiels eines Freibads zeigte Prof. Krüger, dass durch zu viel Ordnung die Funktion von bestimmten Orten verloren gehen kann, und lieferte damit gleich den Einstieg zu einem der Konflikte bezüglich der Nutzung von öffentlichem Raum: Einerseits sind gewisse Regeln für eine funktionierende Nutzung nötig, andererseits braucht es aber auch Freiraum für die Bürger, um sich nach ihren eigenen Bedürfnissen auszuleben. Einen möglichen Interessenskonflikt bezüglich der Nutzung von öffentlichem Raum erklärte Prof. Krüger am Beispiel eines Einkaufszentrums in Hamburg- Eidelstedt: Dem Ziel der Verwaltung, nämlich der Belebung des Geschäfts durch eine Erweiterung des Einkaufszentrums, stand der Wunsch der Bürger nach Erhalt der Aufenthaltsflächen entgegen. Letzterer setzte sich schließlich durch.

Ein wichtiger Punkt, der in einer weiteren Veranstaltung am 26.07. intensiver diskutiert werden soll, ist das Bedürfnis vieler Menschen nach mehr Grün in der Stadt. Mittels „Guerilla Gardening“, also dem Anpflanzen von Blumen usw. an Stellen, die dafür eigentlich nicht vorgesehen sind, eignen sich Bürger den öffentlichen Raum an, um sich die Bedürfnisse nach mehr Grün in ihrer Stadt selbst zu erfüllen. Projekte wie die Interkulturellen Gärten beispielsweise in Langwasser oder Fürth sind hingegen Beispiele für öffentlich gesteuerte und damit „geordnete“ Begrünung von Städten. In Fürth konnte zudem durch Umgestaltung im privaten Raum mehr Grün in die Innenstadt gebracht werden.

Ein weiteres Themenfeld war „Stadt und Kunst“: Ein Beispiel aus Pachuca in Mexiko zeigte, wie eine Künstlergruppe durch bunte Gestaltung von Häuserfassaden das von Menschen mit niedrigem Einkommen bewohnte Viertel Palmitas aufwerten konnte. Durch Graffiti erfüllen sich Bürger eigenmächtig den Wunsch nach kreativer Gestaltung ihrer Umgebung. Zudem wurden Experimente mit den Ideen urbanen Designs im Sinne eines Stadtlabors vorgestellt. Ein Beispiel hierfür sind sogenannte „Parklets“, wo im öffentlichen Raum beispielsweise auf Parkplätzen temporäre Sitzmöglichkeiten geschaffen werden. Dies wird erfolgreich im Rahmen von „Pavements to Parks“ in San Francisco praktiziert.

Wenn sich die Bürger nicht so verhalten, wie es Stadtverwaltungen gerne hätten – z.B. wenn statt ordnungsgemäßer Nutzung der vorgegebenen Wege eigenmächtig Trampelpfade als Abkürzung geschaffen werden – folgen meist „Aufräumversuche“, zum Beispiel durch entsprechende Absperrungen. Hier kann man von einer „Drangsalierung der Stadtbürger durch Städtebauämter“ sprechen. Der öffentliche Raum soll durch Verbote und Gebrauchsanweisungen geordnet werden, eine sogenannte „Pazifizierung durch Drangsalierung“; im Idealfall sollte öffentlicher Raum jedoch so gestaltet sein, dass die Nutzung ohne Gebrauchsanweisung funktioniert.

Als Beispiels eines weiteren Interessenskonflikts diente der Kornmarkt in Nürnberg, der entgegen der eigentlichen Bestimmung durch Skater angeeignet wurde. Die Geschichte und Würde des Platzes sowie seine Funktion als Aushängeschild der Stadt stehen hier im Widerspruch zum Bedürfnis der Skater nach ihrem Raum- und Körpererleben. Auch rechtlich ließ sich dieser Fall nicht eindeutig klären. Am Ende setzte sich jedoch das Jugendamt, welches die Skater unterstützte, gegen das Ordnungsamt durch.

Es folgte ein Statement von Anna Steinert-Neuwirth, Kulturamtsleiterin der Stadt Erlangen, die die Angelegenheit ihrer Perspektive darstellte. So betonte sie die hohe Bedeutung von Kunst und Kultur im öffentlichen Raum, da sich hier eine niederschwellige Möglichkeit der Teilhabe für alle Bürger bietet. Sie stellte zudem fest, dass der öffentliche Raum von den Leuten über die Zeit immer selbstbewusster in Anspruch genommen wird und dabei Einigen gewissermaßen als zweites Wohnzimmer dient. Der öffentliche Raum muss grundsätzlich unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen dienen. Zudem betonte sie die Wichtigkeit von öffentlichen Plätzen in Stadtteilen im Sinne der Dezentralität.

Andi Drechsler vom Stadtjugendring erklärte daraufhin, dass der öffentliche Raum dann „cool“ sei, wenn er einfach so genutzt werden kann. Er wies auf die Lupen-Aktion in Erlangen hin, wo Projekte mit Beteiligung von Jugendlichen umgesetzt werden. Positiv ist die Erschließung neuer Räume, wie beispielsweise der Wöhrmühle und des Saugrabens sowie die Errichtung der neuen Grillstation am Bürgermeistersteg. Wichtig sei vor allem auch eine Kommunikation der geeigneten Aufenthaltsplätze zum Beispiel in Form eines Atlas.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde auf das Problem der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raums hingewiesen. Hierbei wurde insbesondere der Schlossgarten mit seinen begrenzten Öffnungszeiten angesprochen, wo eine Verlängerung beziehungsweise sogar eine durchgehende Öffnung wünschenswert wäre.

Zudem wurde angeregt, bisher ungenutzte Räume als Experimentierräume herzunehmen. Es bräuchte hierfür jedoch Impulse von der Stadt als Anregung zu kreativer Nutzung. Außerdem wurde bemängelt, dass es generell zu viele Plätze mit festgelegter Nutzung gäbe und es an Experimentierfeldern fehlen würde. Die anstehenden Umgestaltungen in der Stadt durch den Umzug der FAU in den Himbeerpalast würden jedoch die Chancen für Raum zum Experimentieren bieten.

Es kam auch die Frage auf nach der idealen Lösung zur Regulierung des öffentlichen Raums. Hierauf erläuterte Prof. Krüger, dass im Idealfall keine Hinweise und „Gebrauchsanleitungen“ nötig sein sollten, da sich die Nutzung den Bürgern durch ein gutes Grundkonzept von selbst intuitiv erschließen sollte. Anstatt von Schildern bedürfe es also größerer Lösungen. Die Ästhetik wurde als weiterer wichtiger Punkt genannt, für die es einer Sensibilisierung bedürfe.

Auch der Bohlenplatz wurde als ein Konfliktpunkt angesprochen. Hier besteht die Befürchtung, dass die derzeitige Nutzung für den Aufenthalt künftig unterbunden werden könnte, da die Bedürfnisse der Nutzer nach geselliger Zusammenkunft im Freien auch in den späten Abend- und Nachtstunden teilweise mit den Interessen der Anwohner nach Ruhe kollidieren. Eine weitere Veranstaltung in der Reihe „Auf die Plätze“ am 05.07., welche direkt am Bohlenplatz ihren Auftakt hat, soll sich vertieft mit derartigen Interessenskollisionen im öffentlichen Raum auseinandersetzen.

Als ein Problem, welches wohl oftmals zu Widerständen von Anwohnern gegen Umgestaltungsmaßnahmen von Straßen und Plätzen führen würde, wurde die derzeitige finanzielle Beteiligung der Anwohner an derartigen Maßnahmen genannt, weshalb angeregt wurde, dies durch andere Finanzierungsmodelle zu ersetzen. Ein weiteres Konfliktfeld könnte die in Erlangen aufgrund der Wohnungsknappheit notwendige Nachverdichtung werden, die mit dem Bedürfnis der Bürger nach Freiräumen kollidieren könne. Hier wurde vorgeschlagen, die Abstandsflächen zwischen den Bebauungen verstärkt für Aufenthaltsflächen zu nutzen.

Als Fazit wurde festgestellt, dass die Nutzung des öffentlichen Raums Respekt, Kommunikation und Toleranz erfordert. Schließlich gehört der öffentliche Raum allen. Eine frühzeitige Beteiligung der Bürger sei bei Umgestaltungsmaßnahmen erforderlich. Zudem bedarf es Zeit, Umgestaltungsprozesse mit entsprechender Beteiligung zur bestmöglichen Zufriedenheit Aller durchzuführen.