Angeregte Diskussion über Anspruch und Wirklichkeit von Barrierefreiheit im öffentlichen Raum

Zweiter Teil der SPD-Veranstaltungsreihe „Auf die Plätze“:

160615barrierefreiheit1Bei der zweiten Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Auf die Plätze“ stand das Thema Barrierefreiheit im öffentlichen Raum im Mittelpunkt. Der Einladung folgten rund 30 Interessierte, darunter auch viele Betroffene.

Den Auftakt bildete ein Ortstermin auf dem Hugenottenplatz. Cornelia Basara aus dem Büro für Chancengleichheit und Vielfalt der Stadt Erlangen schilderte als Betroffene zunächst die spezifischen Probleme blinder Personen auf diesem Platz. So wies sie darauf hin, dass große, leere Plätze wie der Hugenottenplatz für blinde Menschen wegen mangelnder Orientierungspunkte generell problematisch seien. Zudem sei es für sie sehr schwierig, den richtigen Bus zu finden. Axel Wisgalla vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZSL) erläuterte seine Schwierigkeiten als Rollstuhlfahrer. Auch er empfand es als schwierig, jeweils den richtigen Abfahrtspunkt für den Bus zu finden und würde hier eine bessere Kennzeichnung als sehr hilfreich erachten. Aufgrund des beschränkten Platzes an den Bussteigen sei zudem der Einstieg in den Bus über Rampen schwierig. Die Lichtmasten an den Bussteigen seien zusätzlich ein Hindernis für Rollstuhlfahrer. Die spezifischen Probleme älterer Menschen wurden schließlich von Anette Christian, Stadträtin und Vorsitzende des Seniorenbeirats, vorgebracht. So stellt insbesondere die viel frequentierte Fahrradachse vor der Sparkasse eine große Herausforderung für ältere Menschen dar. Die abgestellten Fahrräder am Rand des Platzes sind zudem ein Hindernis für Rollatoren. Hier könnte eine markierte Fußgängerfurt Abhilfe schaffen.

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Axel Wisgalla vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben erläutert Fragen der Barrierefreiheit auf dem Hugenottenplatz

Zudem wurde die am Hugenottenplatz geplante behindertengerechte „Toilette für Alle“ angesprochen. Diese wird von Seiten des ZSL sehr begrüßt. Es wurde jedoch auch die Wichtigkeit betont, bezüglich der Planung der Ausgestaltung Betroffene mit einzubeziehen, damit die Toilette auch wirklich den Ansprüchen von Menschen mit Behinderung gerecht werden kann. Thomas Grützner, Behindertenbeauftragter der Stadt Erlangen erklärte dazu, dass im Rahmen der begrenzten Platzmöglichkeiten in dem ehemaligen Kiosk auf bestmögliche Ausgestaltung geachtet wurde. Es wurden jedoch von Seiten der Anwesenden Bedenken bezüglich der Sauberkeit der Toilette geäußert. Dies könnte geregelt werden, indem der Schlüssel zur Toilette gezielt nur an Menschen mit Behinderung ausgegeben wird.

Weiterhin wurde erwähnt, dass ein tastbares Modell der Stadt in Planung sei. Als Standort wäre ein zentraler Ort wie der Bahnhof oder der Hugenottenplatz sinnvoll. Besonders wichtig ist hierbei, dass dieses Modell dann auch für Blinde gut auffindbar ist.

Besonders im Hinblick auf ältere Menschen, aber auch allgemein zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität für Alle sind Sitzmöglichkeiten auf Plätzen wichtig. Die Metallbänke am Hugenottenplatz werden jedoch nicht als besonders einladend wahrgenommen, unter anderem wegen der unmittelbar daneben abgestellten Fahrräder, die zudem die Wahrnehmbarkeit der Bänke beeinträchtigen. Als Positivbeispiel für gute Aufenthaltsqualität wurde hingegen der Rathausplatz genannt. Es wurde in diesem Zusammenhang auch auf einen Antrag der SPD-Fraktion zu flexibler Möblierung hingewiesen. Hierbei wurden jedoch Bedenken geäußert, dass diese verunreinigt werden oder ganz abhanden kommen könnten.

Bei der anschließenden Begutachtung des Schlossplatzes sowie des gegenüberliegenden Marktplatzes wurde das Kopfsteinpflaster als beschwerlich für Rollstuhlfahrer erkannt. Hier wären besser befahrbare Streifen hilfreich. Am Ende der Fußgängerzone wurde die Kreuzung Heuwaagstraße / Hauptstraße aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens als gefährlich wahrgenommen, ebenso wie der Straßenübergang vor dem Altstadtmarkt. Es wurde jedoch darauf hingewiesen, dass an diesen Stellen keine Unfallhäufung festgestellt werden kann, was vermutlich auf das vorsichtige Verhalten der Verkehrsteilnehmer bedingt durch die gefühlte Gefährlichkeit zurückzuführen ist.

Bezüglich der Ampeln wurde als problematisch angemerkt, dass das Betätigen der Drücker mit einem hohen Kraftaufwand verbunden ist, was für Menschen mit eingeschränkter Kraft schwierig ist. Außerdem seien die Ampelschaltungen gerade für Blinde oft schwer nachvollziehbar.

Diskussion im Lesecafé mit Cornelia Basara, Anette Christian und Axel Wisgalla (von links)

Diskussion im Lesecafé mit Cornelia Basara, Anette Christian und Axel Wisgalla (von links)

Bei der anschließenden Diskussion im Lesecafé mit Cornelia Basara, Axel Wisgalla und Anette Christian wurde von Frau Basara noch einmal betont, dass Orientierungsmöglichkeiten für blinde Menschen extrem wichtig seien. Eine Schwierigkeit sei zudem, dass in der Stadt überall Sachen stehen würden (z.B. Auslagen vor Läden oder wild abgestellte Fahrräder) und es sehr schwer einzuschätzen sei, wo diese gerade stehen.

Im Verlauf der Diskussion wurden zudem weitere Hindernisse für die Barrierefreiheit in Erlangen angesprochen. Löcher im Boden für Schilder seien eine Gefahr insbesondere für Menschen mit Krücken, zudem werden Rillen im Boden als problematisch wahrgenommen. Die Straßenquerung beim Bahnhof sei aufgrund des starken Busverkehrs für Menschen mit eingeschränkter Mobilität eine große Herausforderung.

Pflastersteine sind insbesondere bei Nässe oder Frost ein noch größeres Problem für Menschen mit Behinderung. Glatte Regenrinnen können eine Gefahr sein, wenn sie von Blinden zur Orientierung hergenommen werden. Der „Flickenteppich“ bei der winterlichen Räumung der Innenstadt wurde bemängelt, wobei die Forderung aufkam, dass zumindest eine Hauptachse durchgehend schneefrei sein sollte. Allerdings müsse beim Räumen auch darauf geachtet werden, dass aufgetürmte Schneemassen nicht zu einem Hindernis werden. Erschwert wird diese Problematik durch den eingeschränkten Platz in Erlangen.

Bezüglich Bodenindikatoren zum Beispiel an Kreuzungen wurde erläutert, dass diese bei notwendigen Umbaumaßnahmen nach jeweiliger Einzelfallprüfung des Bedarfs eingebaut werden. Dazu wurde angeregt, eine proaktivere Planung anzustreben und bezüglich barrierefreier Umgestaltung nicht immer erst auf nötige Umbaumaßnahmen zu warten. Dazu könne eine Prioritätenliste erstellt werden, wo Umbaumaßnahmen am dringlichsten wären. Als derzeit dringlichster Punkt, der gerade Blinden die größten Probleme bereitet, wurde die Kreuzung Werner-von-Siemens-Straße/Nürnberger Straße genannt.

Auf die Frage nach einem Stadtplan zur Barrierefreiheit in Erlangen wurde auf die Datenbank „Erlangen hürdenlos“ auf der Homepage der Stadt Erlangen verwiesen, wo Fotos und Daten von verschiedenen Orten der Stadt mit Hinweis auf Barrierefreiheit zu finden sind. Zudem gibt es einen Stadtplan „Erlangen barrierefrei“ der Erlanger Innenstadt mit Hinweisen zur Barrierefreiheit.

Schließlich wurde noch angeregt, dass Texte vermehrt in „Leichter Sprache“ angeboten werden sollten, um Barrieren für Menschen mit Schwierigkeiten bei der Erfassung von Texten abzubauen. Hier wurde jedoch darauf hingewiesen, dass das Erstellen von Texten in Leichter Sprache eine entsprechende Kompetenz erfordert und daher nicht ohne weiteres möglich ist. Angeregt wurde daher, ein Übersetzungsbüro für Leichte Sprache in Erlangen einzurichten und zudem wichtige Bürgerinformationen der Stadt zunächst in Leichter Sprache anzubieten. Dabei wurde weiterhin angemerkt, dass es oft auch schon hilfreich sei, beim Verfassen von Texten auf unnötig komplizierte Formulierungen zu verzichten sowie den Gebrauch von Fremdwörtern einzuschränken, um Texte einer größeren Anzahl an Menschen verständlich zu machen.

Gelegentlich kollidiert das Bedürfnis nach Barrierefreiheit mit anderen Interessen. So gebe es bei akustischen Signalen an Ampeln häufiger Beschwerden, dass diese zu laut seien – eine ausreichende Lautstärke ist jedoch nötig, damit sie von blinden Menschen auch aus gewisser Entfernung gehört und damit überhaupt gefunden werden können. Zudem treten bei der barrierefreien Gestaltung von Gebäuden teilweise Konflikte mit Brandschutz oder Denkmalschutz auf. Teilweise erschwert eingeschränkter Platz die Möglichkeiten der Schaffung von Barrierefreiheit. Hier müssen Kompromisse gefunden werden. So kann zum Beispiel eine Rampe bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden, wenn eine dauerhafte Rampe aus Platzgründen nicht möglich ist.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in Erlangen ein Bewusstsein für Barrierefreiheit durchaus vorhanden ist, es aber an einigen Stellen durchaus noch Potential für Verbesserungen gibt. Dies sollte auch angegangen werden, schließlich bedeutet mangelnde Barrierefreiheit für die Betroffenen einen Mehraufwand an Kraft, Energie und Konzentration. Wo Barrierefreiheit mit anderen Interessen kollidiert oder mangelnder Platz die Möglichkeiten einschränkt, müssen Kompromisse gefunden werden, um allen Menschen bestmögliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Entscheidend ist zudem, Betroffene mit einzubeziehen – sie nehmen die spezifischen Hindernisse wahr, die von Menschen ohne Einschränkung oft nicht als solche erkannt werden. Ganz wichtig ist zudem, dass von Barrierefreiheit nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern letztlich alle Bürgerinnen und Bürger profitieren.